Haus für eine Person | Barbara Kenneweg

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Haus für eine Person - Barbara Kenneweg - Rezension

Rosa ist 30 und lebt in Berlin. Überdrüssig ihres Lebens und der Großstadt zieht sie in ein kleines Häuschen in der Vorstadt. Zwischen Rentnern, Vogelgezwitscher und Fair-Trade-Kaffee versucht sie sich selbst wiederzufinden und sucht das echte, richtige Leben. Als sie feststellt, dass sie schwanger ist muss sie sich zwischen einem Abbruch und dem Leben in ihrem Bauch entscheiden.

Barbara Kennewegs Debutroman ist eine Wucht. Voller Wucht feuert die Autorin ihre Sätze auf den Leser ab, manchmal auch nur einzelne Wörter. So hatte ich erst einmal das Gefühl, mich im Roman orientieren zu müssen. Dieses Gefühl ist auch während des Lesens nicht gewichen. Einerseits war das irgendwie unangenehm, andererseits passt es hervorragend zum Innenleben der Protagonistin. Denn auch Rosa ist mit 30 schon völlig orientierungslos und desillusioniert. Sie entflieht der Großstadt, nistet sich in ihrem kleinen Häuschen ein und weiß erst einmal nichts mit sich und ihrem Leben anzufangen.

Und während Rosa auf ihrer Terrasse in der Sonne sitzt und nachdenkt, wird man mit vielen Gedanken und noch mehr Gedankensprüngen konfrontiert. Vom zweiten Weltkrieg, von der Verfolgung der Juden, von Konsumkritik, Ameisen, den Weltreligionen bis zum Sinn des Lebens reichen Rosas Gedanken. Dazwischen immer wieder Gedanken an ihren Ex-Freund und an das Kind in ihrem Bauch. Mir war das zu viel. Zu viele Themen, zu viele Gedankengänge, zu viel Wucht. Leider wirkt das alles auch nicht immer ganz rund und kam manchmal etwas zu gekünstelt rüber. Zwischen all den Themen bleibt auch Rosas Entwicklung auf der Strecke. Ja, die Rosa am Ende des Romans ist eine andere als die Rosa am Anfang des Romans. Aber vor lauter Gedanken ist die Entwicklung der Protagonistin nicht nachvollziehbar. Man sieht das Ergebnis, der Weg dahin bleibt aber verborgen.

Sehr gut gefallen hat mir dass Barbara Kenneweg Rosa mit einer sehr guten Beobachtungsgabe ausgestattet hat. Sie schaut genau hin und schaut auch da hin, wo es einfacher ist, wegzuschauen. Da sind die Alkoholiker vor dem Einkaufszentrum, da ist die Hausfrau mit ihren versteckten Träumen, da ist ihre Nachbarin Frau Paul mit ihren Geschichten aus dem Krieg, da sind die emsigen Ameisen im Gras.

"Haus für eine Person" zu lesen war teilweise anstrengend, denn durch die temporeiche Schreibe der Autorin ist mir die Geschichte nur so um die Ohren geflogen. Nach dem Lesen musste ich all das auch erst einmal sacken lassen. Jetzt, mit etwas Abstand, hat mir das Buch aber unheimlich gut gefallen. Mit Rosa ist der Autorin ein detailreiches Portrait unserer Zeit gelungen, in der sich alles immer schneller dreht und in der immer mehr Menschen von diesem Karussell absteigen möchten.

Haus für eine Person | Barbara Kenneweg | Ullstein | 2017 | 224 Seiten | ISBN:  978-3550081774 | Preis Hardcover: 18,00€ | Preis E-Book: 14,99€

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2 Kommentare

  1. Mir geht es genauso wie dir: Ich habe das Buch gelesen und musste es danach erstmal sacken lassen. Sehr intensiv! Auf der Leipziger Buchmesse werde ich die Autorin zum Interview treffen - ich hab so viele Fragen...

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    1. Dann bin ich jetzt schon sehr gespannt darauf, das Interview zu lesen!

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