Die Frau nebenan | Yewande Omotoso

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Südafrika. Marion und Hortensia leben schon seit vielen Jahren nebeneinander. Die eine ist schwarz, die andere ist weiß. Außer ihrer Nachbarschaft und der Tatsache, dass sie beide beruflich sehr erfolgreich waren, verbindet sie scheinbar nichts. Deswegen pflegen die beiden älteren Damen ihre seit Jahren bestens gedeihende Feindschaft auch weiterhin. Doch dann führt das Leben die beiden unverhofft zusammen. Während sie sich zu Anfang nur mit der Situation arrangieren, wagen sie es im Laufe der Zeit doch, einen Blick hinter die Fassade der jeweils anderen zu werfen...

Mit Marion und Hortensia hat Yewande Omotoso zwei sehr starke und lebenserfahrene Frauen auf dem Papier erschaffen. Bereits nach wenigen Seiten wurde mir beim Lesen klar, dass diese beiden Charaktere keine einfache Kombination sind, was meine Neugierde auf die Geschichte verstärkt hat. Hortensia ist - geprägt durch eigene Erfahrungen - keine angenehme Frau. Sie stellt unangenehme Fragen, ist unfreundlich und auf eine fast schon brutale Weise ehrlich. Marion ist auf eine aufdringliche Art und Weise Neugierig und hält an Regeln und Normen fest, weil ihr das Sicherheit zu geben scheint. Dass diese beiden Frauen so gar nichts miteinander anfangen können, ist da nicht verwunderlich.

"Für Hortensia drehte sich alles um die Rassenfrage, doch Marion hielt das Leben für vielschichtiger und komplizierter."  (Seite 27 auf dem Tolino)

Das Leben geht immer seine eigenen Wege. Dies bekommen auch Marion und Hortensia zu spüren. Nachdem beide einen Verlust und die damit einhergehenden Veränderungen hinnehmen müssen, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den Beiden. Richtig gewollt ist das von keiner, irgendwie sind sie da aber reingestolpert.

Das Leben in Südafrika und auch der gesellschaftliche Umgang miteinander ist geprägt von Rassismus, Apartheit und festen Rollenbildern. Yewande Omotoso hat dabei einen guten Blick für das Alltägliche und für das, was unter der Oberfläche verborgen bleibt, weil die Menschen es sich selbst nur schwer eingestehen.

So wie Yewande Omotoso in "Die Frau nebenan" zwei Figuren mit scharfen Kanten geschaffen hat, verliefen auch die Leben der beiden Frauen nicht immer gradlinig. Ohne Kompromisse, ich möchte fast schon sagen ohne Gnade, deckt die Autorin die Wünsche und Sehnsüchte, aber auch die Ängste und Schwächen ihrer Figuren auf. Was am Ende bleibt ist ein völlig anderes Bild der beiden Figuren als zu Beginn und wieder einmal die Erkenntnis, dass jeder seine eigenen Vorstellungen vom Leben hat.

"Die Frau nebenan" ist ein bemerkenswertes und kluges Buch. Ich habe mich schon lange nicht mehr so sehr mit den Figuren eines Romans und ihrer Entwicklung beschäftigt. Auch der Einblick in das Leben in Südafrika hat mir gut gefallen und mich Neugierig auf mehr gemacht.

Die Frau nebenan | Yewande Omotoso | List | 2017 | Hardcover | 272 Seiten | ISBN:  978-3471351444 | Preis Printausgabe: 18€ | Preis E-Book: 14,99€

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8 Kommentare

  1. Das klingt sehr gut - schade, dass es in der Bibliothek nicht vorhanden ist, aber ich halte den Titel im Hinterkopf. Bücher, die in Südafrika spielen, finde ich auch sehr spannend. Interessanterweise gibt es je nach Autor immer einen ganz anderen Schwerpunkt und Ton und so puzzel ich mir nach und nach mein Bild von der Gesellschaft zusammen.

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    1. Das Buch ist gerade erst erschienen, vielleicht ist es deswegen noch nicht in deiner Bibliothek.
      Dass jeder einen anderen Schwerpunkt und Ton hat ist mir auch schon aufgefallen. Genau das finde ich aber auch spannend und vielschichtig.

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  2. Ein Buch, wie für mich gemacht! Ich liebe solche Geschichten, in denen die Charaktere so vielschichtig sind, wie du es beschreibst. Das Buch ist auf meiner WuLi gewandert und wird dort nicht lange warten. Bin nämlich sehr gespannt auf die Lektüre.

    GlG vom monerl

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    1. Liebe Monerl,

      es freut mich, dass das Buch es auf deine Wunschliste geschafft hat. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und bin gespannt, wie es dir gefallen hat.

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  3. Hallo,

    ich bin durch das #litnetzwerk auf deinen Blog aufmerksam geworden.

    Das Buch, das du hier mit einer sehr schönen Rezension empfiehlst, ist genau nach meinem Geschmack. Ich werde mir mal eine Leseprobe herunterladen.

    Viele Grüße

    Rosa

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    1. Hallo Rosa,

      dann wünsche ich dir viel Spaß beim Lesen der Leseprobe!

      Lg
      Julia

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  4. Ich fand es erschreckend wie dick die Mauer ist, die die beiden um sich gebaut haben. Sie haben bewusst das Leben in dieser Einsamkeit gewählt. Traurig wenn man im hohen Alter merkt was man verpasst hat.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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    1. Hallo Sabrina,

      das stimmt. Ich glaube, dass es leider viel zu viele Menschen gibt, die erst im Alter merken was sie versäumt haben im Leben. Das stelle ich mir echt bitter vor.

      Liebe Grüße
      Julia

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